Eine Woche Rumänien für versierte Einsteiger - was immer man sich darunter vorstellen mag - es war eher ein Endurolehrgang für ambitionierte Amateure. Kein Berg war steil genug, kein Fluss nass genug, kein Stein groß genug und Wege wurden grundsätzlich gemieden, aber schön war es trotzdem. Dazu haben auch beigetragen



Andre,
der unerbittliche Tourguide und Trainer, den zu unserem Glück eine Grippe ein wenig ausgebremst hat,
Bernd,
der nie schrauben musste,
Walter,
der unausgelastete Österreicher, der seine XR nahezu überall rauf- oder runterscheuchte,
Ulf,
der seine DR aus jeder verzwickten Situation rausgewuchtete und schließlich
Andy,


der nicht umsonst den Beinamen Gämse hatte.
Naja, und wir zwei, Olaf und Kathrin,

in dem Glauben, fünf große Saharareisen wären als Voraussetzung ausreichend.
Tag 1: Dieser Glaube wurde bereits am ersten Tag mit einer schmerzhaften Bänder- und Muskelüberdehnung am Knie auf eine harte Probe gestellt. Dafür durften sich die endurofahrenden Rosenkavaliere für den Rest der Woche im Ankicken meiner DR überbieten - Danke Jungs! Wie es dazu kam? Naja, Andre wollte sehen, wie wir so fahren, und schwupps standen wir vor dem Ständerhang (ein Schelm, wer Böses dabei denkt: die Hänge werden lediglich nach verlorenen Teilen benannt, und den Namen eines Mitreisenden trägt bis jetzt noch kein Hang).
Rauf fahren oder abwarten? - Sieht schon recht lang und steil aus!
Olaf war schlau genug, sich fürs Abwarten zu entscheiden, ich dagegen wollte es wissen. Also Gas und rauf. Lehre Nummer eins, wenn es denn schon nicht reicht: Hahn zu, Motorrad ablegen und noch mal. Das wäre allemal besser gewesen als unkontrolliert ins Gemüse zu schießen und sich gleich am ersten Tag zu verletzen.
Nach dieser leidvollen Erfahrung ging es erst mal weiter zu Trockenübungen auf der Wiese.


Nachdem Olaf anschließend die Disziplin, wer bricht die meisten Hebel ab, eröffnete, trennte sich die Gruppe, und Olaf bekam nach der Reparatur einen Privatkurs von Andre im Flussbett befahren; Flüsse werden bevorzugt längs befahren und nicht gequert - das kann ja jeder - und Weltmeisterschaftsniveau war gerade gut genug (zumindest, was das Gelände betraf, die fahrerische B-Note lassen wir hier mal unerwähnt).
Wir anderen machten derweil ein gemäßigte Tour durch Wald und Wiesen, die dann aber mit dem Urlaubshang - wie auch immer er diesen Namen erhalten hat, ist für den Neuankömmling ein Rätsel - eine jähe Wendung nahm. Von unten sieht man nur, wie ein schmaler, steiler Pfad nach ein paar Metern im Wald verschwindet. Entweder die Neugierde besiegt den Schweinehund oder man bleibt unten. Aber wer will schon unten bleiben, und sich die Heldentaten der anderen erzählen lassen. Doch auch hier scheiterte der erste Versuch und sollte für diesen Tag auch genug sein. Also "heim" in die geräumige Unterkunft mit heißer Dusche und einer deftigen rumänischen Mahlzeit. Zum Abschluss des Abends ging es in die Kneipe, wo als Einweihungstrunk für Unbedarfte erst mal ein Unicum her musste; eine Erfahrung, die jeder selbst machen muss!
Tag 2: Runter von der Straße und ab ins Flussbett - toll, gleich am Morgen nasse Füße, aber wir sind ja nicht zum Spaß hier, oder wie war das? Hauptsache nicht ganz reinfallen! Anschließend "Urlaubshang die Zweite", zumindest für die anderen. Ich blieb eingedenk meines Knies und meiner Kraftreserven lieber unten und hörte mir das Brummen der Motoren im Wald an, das je nach Erfolg früher oder später, manchmal auch recht abrupt, verstummte. Runter kamen sie jedenfalls alle.
Nach einiger Kurverei auf schmalen Pfaden durch den Wald, gelangten wir auf eine Anhöhe, wo uns der Steinmetz des Dorfes, der die Jungs kennt, gegen eine Stunde Kartoffeln ernten zum Essen einlud.

Ob tatsächlich der Dümmste die dicksten Kartoffeln erntet, ließ sich nicht abschließend feststellen, auf jeden Fall war das Essen sehr lecker und frisch gestärkt ging es auf zum Spurrinnen fahren und anschließend eine verdammt steile Wiese hinunter. Olaf konnte nach seinem Weltmeisterschaftslauf im Flussbett nichts mehr schocken und die anderen hatten es sowieso drauf. Nur mein Kampfgeist reichte nicht für einen eleganten Abstieg, aber runter geht's immer. Als krönender Abschluss dieses Tages versagte dann auch noch mein Motor, zumindest temporär, seinen Dienst, so dass Andre mich mit seinem Fuß am Heck durchs Dorf schob, was wenigstens den Dorfbewohnern Spaß zu bereiten schien.
Tag 3: Gott sei Dank - die Grippe hatte den Tourguide fest im Griff - und wir gelangten mit nur einem Zwischenfall auf steinigen Pfaden zu einer Wiese, auf der Bremsübungen auf dem Programm standen. Der Zwischenfall bestand darin, dass Olaf am größten Stein "beschloss" während der Fahrt vom Motorrad "abzusteigen", so dass ausnahmsweise mal nicht ich die größten blauen Flecken hatte!
Nach den Bremsübungen, hatte sich die Gruppe wieder mal etwas dezimiert, aber am nächsten Tag waren wieder alle dabei, außerdem - ein bisschen Schwund ist immer. Dies dachte sich auch die Schraube von Andres hinterer Bremsscheibe, so dass erst mal eine neue her musste und der Tag, gespickt mit vielen Pausen, recht beschaulich wurde.

Nach einem Tankstopp gingen dann die "großen" Jungs noch mal spielen. Hauptsache, sie sind ausgelastet.


Tag 4: So, wieder mal Urlaubshang. Alle anderen hatte bereits der Wald verschluckt, jetzt aber los: Es geht, es geht, es... verdammt, wieso zieht der Motor nicht? Plumps - vielleicht wäre es doch schlauer gewesen die Benzinhähne aufzumachen! Immerhin hat das zur Erheiterung der am Hang verteilten Schar beigetragen.
Also, wieder runter rollen und dabei gefühlvoll bremsen.


Und dann, oh Wunder, der insgesamt dritte Versuch klappte: Im ersten Gang und ganz unenduromäßig im Sitzen. Welch eine Freude, oben anzukommen! Aber die beste Showeinlage lieferte Olaf, der sein Motorrad nahezu senkrecht am Baum "parkte", was diesen Urlaub allerdings Usus zu sein schien, da ich das bereits ein paar Tage vorher auch schon probiert hatte und dabei fast die beiden teuersten Motorräder abgeschossen hätte. Muss sich ja auch lohnen.




Danach stand mal wieder Flussbett auf dem Programm, und dem Flussgott wurden fleißig Teile geopfert. Anschließend ging es den nächsten Hang rauf - endlich ein Tag, an dem es mal klappt - vorausgesetzt die Benzinhähne sind offen.
Nach einer Fahrt durch den Wald über Stock und Stein, wartete die nächste Herausforderung: Die Durchfahrt durch ein nicht allzu kleines Schlammloch. Nachdem Andre die vermeintlich beste Stelle ausgesucht hatte, startete er ohne zu Zögern durch, was dem armen Ulf die Chance nahm aus der Modderflugzone zu flüchten - er hätte gar nicht mehr durchfahren brauchen, dreckiger ging eh nimmer.



Aber wenn schon denn schon. Schließlich waren wir alle mehr oder weniger eingesaut, außer Bernd, dessen weißes T-Shirt tatsächlich noch weiß war.
Über steinige Wege, schmale Pfade und schräge Hänge ging es weiter, und als wir die Straße erreichten, nahm ich die Chance wahr, mich abzusetzen, bevor meine aufgebrauchten Kraftreserven mir das nächste Malheur bescheren konnten.
Der Abend endete dann bei einem guten Essen und reichlich Schnaps und Wein beim Steinmetz, so dass die Auswirkungen noch am
5. Tag zu spüren waren. Außerdem taten inzwischen alle Muskeln weh - von manchen wusste man bis dahin nicht mal - so dass Olaf und ich beschlossen, erst mal nicht zu fahren. Andre fuhr dann am Nachmittag mit uns Sprünge üben, und wenn Olafs DR nicht irgendwo in der Weite Rumäniens ihren Zündfunken verloren hätte, hätten wir auch noch Kurven fahren geübt. Zum Glück ging es zum Ort überwiegend abwärts, und wir waren gar nicht so böse drum, am
6. und letzten Tag nicht mehr fahren zu können. Denn meine DR hat sich dann auch gleich solidarisch erklärt und ebenfalls ihren Dienst verweigert. Fragt sich nur, wer weniger Bock hatte: Die Motorräder oder wir.
Fazit: Wer sich erholen möchte, sollte einen Strandurlaub machen, wer eine Herausforderung braucht und viel Spaß mit netten Leuten haben möchte, der kann es ja mal mit einer Woche Rumänien für versierte Einsteiger versuchen.
Danksagung:
Wir danken,
den Viren, die unseren Tourguide im Zaum gehalten haben,
dem Wettergott, der es nicht hat regnen lassen,
den Steinen, die uns keine Hebel abgebrochen haben,
den wenigen Teilen, die heil geblieben sind,
und allen, die wir an dieser Stelle vergessen haben.